Meisterwurz, „Meisterin aller Heilwurzen“

Paracelsus schätzte diese Heilpflanze so sehr, dass er angeblich immer ein Wurzelstück bei sich getragen haben soll. Aus den Kräuterbüchern der Gegenwart ist die Meisterwurz aber leider verschwunden. Es spricht ja nichts dagegen, dass exotische Heilpflanzen bei uns populär werden, doch sollten unsere traditionellen Heilpflanzen dabei nicht in Vergessenheit geraten.

 

Imperatoria, die „Kaiserin“

Imperatoria ostruthium wurde die Meisterwurz von den Botanikern des Mittelalters genannt, wohl um auf die großen Heilkräfte der Pflanze hinzuweisen. Ostruthium ist vermutlich abgeleitet von Astrantia, Astrenzen, wie die Meisterwurz volkstümlich bezeichnet wurde, wobei eine andere Pflanze, die Sterndolde, heute botanisch Astrantia major heißt. Diese ist auch ein Doldengewächs und wird volksmedizinisch genutzt, hat aber ganz andere Inhaltsstoffe in der Wurzel als die Meisterwurz. Heute ist der botanische Name der Meisterwurz Peucedanum ostruthium (griech. peukè, Fichte, danos, trocken, niedrig), also kleine Fichte, obwohl sie einer solchen natürlich nicht ähnelt.

 

Die Meisterwurz, eine Alpenpflanze

Die Meisterwurz hat ihre Hauptverbreitung im Alpenraum in den Hochstaudenfluren. Daher war sie auch immer eine Pflanze der Volksmedizin im Alpenraum. Meisterwurzblätter legte man auf schwer heilende, eiternde Wunden. Die Wurzel dagegen verwendete man, vor allem in Wein gekocht, als Gegenmittel gegen Gift und ansteckende Krankheiten.

 

Meisterwurz, Star der Hildegard – Medizin

Den antiken Schriftstellern war die Meisterwurz nicht bekannt, wohl deshalb, weil sie in Griechenland nicht vorkommt. Erstmals erwähnt wurde ihre Heilwirkung im 11. Jh. in einem Kräuterbuch, dem „Macer floridus“, geschrieben von dem Mönch Odo von Meung, der sie als Universalheilmittel gegen Lebererkrankungen, aber auch Husten und Atembeschwerden lobte. Hildegard von Bingen war eine wahre Meisterin der galenischen Säftelehre. Diese bildet sozusagen das Grundgerüst der Abendländischen Medizin: Feuer, Wasser, Erde und Luft, diese Elementprinzipien und ihre Verteilung machen die Konstitution eines Menschen aus und auch die Heilmittel werden nach diesen Qualitätsprinzipien eingeteilt. „Die Meisterwurz ist warm und taugt gegen Fieber“, schrieb Hildegard und beschrieb damit die Qualität der Meisterwurz, innerlich wärmend und damit auch immunanregend gegen Infektionskrankheiten zu sein. Anhänger der Hildegard – Medizin empfehlen daher Meisterwurzwein als Heilmittel bei Grippe und Lungenentzündung.

Rezept: 2 TL Meisterwurz (im Mörser zerdrückt) mit 1/8l Wein übergießen, über Nacht stehen lassen, am Morgen wieder 1/8l Wein dazu geben und vor jeder Mahlzeit einen Schluck davon trinken. Am Abend wieder frisch ansetzen.

 

Meisterwurz

Meisterwurz

 

Meisterwurz regt Lebensgeister an

Im Mittelalter stand die Meisterwurz in höchstem Ansehen und wurde bei Mensch und Tier als das beste Mittel gegen Ansteckungen betrachtet. In der Volksmedizin wurde sie lange gegen die Maul – und Klauenseuche eingesetzt. Paracelsus kannte die Gebirgspflanze Meisterwurz sehr gut und schätzte sie besonders: „Meisterwurz ist auch der fürnehmsten Kräuter eins so zu vielen Gebrechen dienlich“. Er kannte auch die vor Ansteckungen schützende Wirkung und empfahl sie zum Schutz vor der Pest. Er sah in der Meisterwurz ein gutes Mittel für die Leber: “Es hilft bei allen Schäden der Leber, …bei Gelbsucht soll es….verwendet werden.“ Die innerlich anregende Wirkung einer Pflanze, deren „warme“ Elementqualität sozusagen das „innere Feuer“ anregen kann und dies in Kombination mit einer Leber anregenden, entgiftenden Wirkung brachte Paracelsus dazu, die Meisterwurz in Rezepturen einzusetzen, die dazu dienen sollten, „den inneren Alchemisten“ anzuregen. Doch nicht nur zur Stoffwechselanregung nutzte Paracelsus die Meisterwurz, er meinte, dass sie vor allem bei Männern die Lebensgeister stärken kann. Ein volkstümlicher Spruch drückt dies recht deutlich aus: „Die Meisterwurz hilft dem Meister auf die Meisterin“ und im Alpenraum wird sie noch immer als „Ginseng des Westens“ betrachtet.

 

Meisterwurz aus Sicht der TCM

Die Meisterwurz hat einen sehr scharfen Geschmack, wenn man in eine frische Wurzel beißt. Die Geschmacksrichtung „scharf“ entspricht aus Sicht der TCM der Wandlungsphase Metall und regt daher den Lungen – und Dickdarmmeridian an. Aber auch bitter schmeckt die Meisterwurz, dieser Geschmack gehört zur Wandlungsphase Feuer und regt somit Herz, Kreislauf und auch den Dünndarmmeridian an. Das bestätigt sozusagen die Erkenntnisse der Abendländischen Medizin: Meisterwurz hilft, den gesamten Darmtrakt zu reinigen und durch die Anregung aller Verdauungssäfte die Darmtätigkeit zu verbessern. Gleichzeitig ist auch die Lungenwirksamkeit nicht von der Hand zu weisen und dazu kommt noch eine kreislaufanregende Wirkung. Die Meisterwurz ist also tatsächlich eine „Meisterin“, die den ganzen Menschen anregen kann.

 

Meisterwurz wissenschaftlich

Auch wenn die Meisterwurz kaum mehr verwendet wird, kennt man ihre Inhaltsstoffe. Sie ist ein Amarum aromaticum, also eine aromatische Bitterstoffdroge. Der scharfe Geschmack ist auf das ätherische Öl zurückzuführen, in dem sich 95% Terpene befinden. Diese sind stark antibakteriell, immunmodulierend und entzündungshemmend. Die Bitterstoffe dagegen wirken insgesamt tonisierend, appetitanregend und verdauungsfördernd. Untersuchungen am Institut für Pharmakognosie der Karl – Franzens – Universität in Graz zeigten, dass Extrakte aus der Meisterwurz sehr antioxidativ und als Radikalfänger wirken. Dies könnte die bewährte Verwendung als entgiftendes Heilmittel erklären. Somit kann die Wissenschaft alle berichteten Wirkungen und Anwendungen bestätigen und es wäre sehr zu empfehlen, die Meisterwurz wieder mehr zu verwenden. In der Apotheke kann man die Droge übrigens kaufen.

Teezubereitung: 1 TL mit 1/4l heißem Wasser im Aufguss zubereiten,10 Minuten ziehen lassen.

Tinktur: in Alkohol angesetzte Meisterwurz kann tropfenweise genommen werden: tgl. 10 Tr.

 

Anwendungsgebiete:

Magenverstimmungen, Bronchialerkrankungen, Verschleimung der Atemwege, allgemeine Schwächezustände (vor allem bei alten Menschen), Steigerung der Abwehrkräfte, akute Vergiftungserscheinungen (durch verdorbene Nahrungsmittel) und zur Ausleitung bei chronischen Vergiftungszuständen (Umweltgifte, Schwermetallbelastungen), für Frühjahrskuren zum „Entschlacken“, zur Umstimmung des Gesamtstoffwechsels.

Achtung: Meisterwurz nicht bei Magen – Darmschleimhautentzündungen sowie bei Gallensteinen.