Heilsame Karde

Im Spätsommer findet man an Ruderalplätzen oft hohe Pflanzen, die wie Disteln aussehen. Alles an diesen Pflanzen ist stachelig, dennoch sind sie keine Disteln, sondern Karden. Als Heilpflanzen wurden sie selten genutzt, doch seit kurzem sind die Karden populär geworden, weil sie gegen Borreliose hilfreich sein sollen.

 

Die Lyme- Borreliose

Den Namen hat diese Krankheit von Lyme, einer Stadt in Connecticut, USA, wo in den 1970er Jahren die Krankheit erstmals beschrieben wurde. Ausgelöst wird sie durch das Bakterium Borrelia burgdorferi aus der Gruppe der Spirochäten, zu denen auch Trepanema pallidum, der Erreger der Syphilis zählt. Der Schweizer Forscher Burgdorfer entdeckte diese Bakterien 1982 in den USA, weshalb sie seinen Namen erhielten. Auch in Europa gibt es Borrelien und sie alle lösen eine Erkrankung aus, die Borreliose genannt wird. Dass es gewisse Unterschiede im Krankheitsbild dieser Erkrankung in Europa gibt, wird den Betroffenen gleichgültig sein, auf jeden Fall ist die Borreliose die häufigste von Zecken übertragene Erkrankung. Schätzungen zufolge sind je nach Region 5 bis 40 Prozent der Zecken mit Borrelien verseucht und weitere Schätzungen ergeben, dass auch wieder je nach Region jeder 3. bis 10. Zeckenstich zu einer Infektion führt.

 

Borreliose, Krankheit mit schmerzhaften Folgen

Die Inkubationszeit, also die Zeit bis die ersten Krankheitssymptome auftreten, liegt bei 5 bis 30 Tagen. Doch nur bei 50 % aller Infizierten kommt es zu dem charakteristischen Hautausschlag, dem Erythema migrans (Wanderröte). In diesem Stadium empfiehlt die Medizin unbedingt eine Behandlung mit Antibiotika . Dennoch kann es zu einer Streuung der Bakterien im ganzen Körper kommen, bei der vor allem Gelenke und Muskeln und das periphere Nervensystem betroffen sind. Solche Spätfolgen sind meist sehr schmerzhaft. Wenn die Borreliose nicht ausreichend behandelt wird, kann sie immer wieder auftreten kommen, also die schmerzhaften Phasen immer wieder aufflackern.

 

Borreliose ernst nehmen

Da die Borreliose eine ernsthafte Erkrankung ist, sollte man sich beim ersten Verdacht sofort in ärztliche Behandlung begeben, die meist in einer Therapie mit verschiedenen Antibiotika besteht. In einer Zeit aber, in der auch Naturheilmittel populär sind, sind nun Ratschläge aufgetaucht, wie man mit pflanzlichen Mitteln gegen die Borreliose vorgehen kann.

 

Karde, wieder entdeckt als Heilpflanze

In Amerika, wo die Borreliose schon länger bekannt ist, begann der Phototherapeut Matthew Wood Überlegungen anzustellen, welche Heilpflanzen man gegen die Krankheit einsetzen könnte. Durch seine Kenntnis der chinesischen Kräuterheilkunde erkannte er, dass in der TCM eine chinesische Abart unserer Karde bei einem Symptomenkreis angewendet wird, der ganz ähnlich ist demjenigen der Borreliose. Er verwendete dann in der Folge diese Pflanze mit gutem Erfolg. Dipsacus asper ist der botanische Name dieses Kardengewächses, chinesisch wird es Xu Duan, „Wiederhersteller dessen, was zerbrochen ist“, genannt. Aus Sicht der TCM stärkt es die Leberenergie und da diese auch für Muskeln und Sehnen zuständig ist, hilft das in der Folge,“ Sehnen und Knochen zu nähren“, wirkt also gegen Entzündungen im Bewegungsapparat und Erkrankungen wie Lumbago (Hexenschuss). Außerdem stärkt Xu Duan die „Nierenessenz“ und hilft damit zu verhindern, dass Rücken und Kniegelenke steif werden und zu schmerzen beginnen. In der TCM ist Xu Duan ein sehr gebräuchliches Mittel.

 

Die wilde Karde

Der deutsche Anthropologe Wolf- Dieter Storl, ein ausgezeichneter Kenner der Heilpflanzen, überlegte, als er selber an einer Borreliose erkrankte, ob man diese Wirkung der chinesischen Karde auch von heimischen Arten erwarten könnte. Bei uns kommen einige Arten wild vor, die häufigste ist die Wilde Weber- Karde (Dipsacus fullonum). Die Weber- Karde (D. sativus) wurde früher dazu verwendet, Wolle und andere Textilfasern mit ihren Stacheln zu strählen, damit sie dann gesponnen werden konnten. Daher wurde diese Karde seit über tausend Jahren in Europa angebaut. Die Karden gehören zur Familie der Kardengewächse, sind also botanisch gesehen keine Disteln. Sie sind zweijährig, im ersten Jahr bilden sie eine Blattrosette, im nächsten Jahr schießen sie bis zur Blüte fast zwei Meter hoch. Der Blütenkopf hat lange, an der Spitze hakenähnlich gekrümmte „Stacheln“. Der Blütenstand beginnt in der Mitte zu blühen, in der Folge entsteht ein nach oben und unten wandernder Blütenring.

 

Karde

Karde

 

Die Signatur der Karde

Betrachtet man die Karde auf der Basis der Signatur dieses wandernden Blütenringes, könnte das mit ein bisschen Fantasie an das Erythema migrans, die Wanderröte bei der Borreliose erinnern. Man sollte solches Rangehen an Pflanzen nicht belächeln, war es doch die Basis der Heilpflanzenerkenntnis in früheren Zeiten und fast alle diese „unwissenschaftlich“ erarbeiteten Erkenntnisse konnten wissenschaftlich auf der Basis der Inhaltsstoffe und klinischer Untersuchungen bestätigt werden. Die Karde hat noch eine besondere Eigenart- die Blätter sind an ihrer Basis verwachsen und formen dadurch ein Becken, das sich mit Regenwasser füllt. Biologen vermuten, dass die Pflanzen sich durch Insekten, die in diesem Becken ertrinken, zusätzliche Stickstoffnahrung holen. Die mittelalterlichen Kräuterdoctores nannten diese Becken „Venusbecken“ und glaubten, dass das darin gesammelt Wasser ein Schönheitsmittel sei. Da dem Venusprinzip die Nieren zugeordnet sind, waren sie davon überzeugt, dass die Karde die Nieren stärken kann und somit hilft, toxische Stoffe aus dem Körper auszuleiten. Damit kamen sie zu einer ähnlichen Erkenntnis wie die TCM.

 

Karde, Pflanze der Volksmedizin

Als Heilpflanze geriet die Karde in Vergessenheit. In der Volksmedizin überlebte sie allerdings. Der äußerst bittere Tee aus der Wurzel wurde bei rheumatischen Schmerzen und Arthritis als „Rosskur“ eingesetzt. Über Inhaltsstoffe ist leider wenig bekannt, aber vielleicht erweckt die neue Popularität der Karde auch das wissenschaftliche Interesse. Bislang kennt man nur das Glykosid Scabiosid, Iridoide, Saponine und organische Säuren wie die Kaffeesäurederivate. Das lässt allerdings vermuten, dass die Karde ein entzündungshemmendes, eventuell auch antibakteriell wirkendes Potential haben könnte.

 

Karde, unterstützendes Heilmittel bei Borreliose

Die Anwendung der Karde, vor allem in Form der Tinktur aus der Wurzel, wird zunehmend auch von medizinischen Kreisen empfohlen. Vor allem auch in der Veterinärmedizin konnten beim Einsatz der Tinktur bei Pferden, die ebenfalls Borreliose bekommen können, gute Erfolge erzielt werden. Da aber noch zu wenig klinische Erfahrungen vorliegen, kann man nur Vermutungen anstellen. Die schmerzhaften Spätfolgen einer Borreliose werden vor allem durch Neurotoxine ausgelöst, die von den Borrelien im Gewebe und Nerven abgelagert werden. Durch die Wirkung der Kardenwurzel auf die Leber und Nieren können diese Neurotoxine vielleicht mobilisiert und ausgeschieden werden. Es kann daher Menschen, die an Borreliose erkranken, aber vor allem dann, wenn man unter einem rezidivierenden, also immer wieder aufflackernden Krankheitsstadium leidet, empfohlen werden, zusätzlich zu schulmedizinischen Maßnahmen Kardentinktur anzuwenden. Derzeit ist sie in Apotheken noch kaum erhältlich, doch man kann sie leicht selbst herstellen.

 

Tinktur: Die frisch geerntete Wurzel der einjährigen Blattrosette wird samt Blattherz ausgegraben, gesäubert, zerkleinert und in ein Schraubglas gefüllt und dann mit 40 % Alkohol (Korn, etc.) übergossen. Nach 3 Wochen wird die Tinktur gefiltert.

 

Wurzelkur: Eine kurmäßige Anwendung der (sehr bitteren) Tinktur ist anzuraten. Täglich nimmt man von der Tinktur 3 mal 10 Tropfen. Unterstützen sollte man diese Kur durch Trinken von harntreibenden Tees wie Goldrute oder der Löwenzahnwurzel, die nicht nur harntreibend, sondern auch leberstärkend ist. Anzuraten wäre auch, während dieser Kur eine Diät mit viel Gemüse wie Rote Rüben, deren Inhaltsstoffe auch leberstärkend wirken oder Karotten und Tomaten mit antioxidativ wirkenden Carotinoiden zu halten.