Gemmotherapie, wirkungsvoll, leider zu wenig bekannt

Was ist Gemmotherapie

Gemma ist das lateinische Wort für Knospe. Die Gemmotherapie ist eine Methode, bei der Heilmittel aus frischen Pflanzenteilen wie Knospen, Triebsprossen und Wurzelspitzen von Bäumen und Sträuchern eingesetzt werden. Sie werden im Frühjahr geerntet und frisch in einer Mischung aus Glycerin und Alkohol mazeriert. Die Knospen und Sprossen bestehen aus embryonalem Gewebe in voller Entwicklung. In diesem Gewebe sind die lebens- und Wachstumskräfte am höchsten. Daneben enthält das Embryonalgewebe auch viele aktive Wirkstoffe, die im weiteren jahreszeitlichen Wachstum der Pflanzen nicht mehr vorhanden sind. Die Gemmotherapie geht davon aus, dass das Mazerat aus dem Embryonalgewebe dem Menschen als Vitalisierungs- und Regenerationskräfte dienen kann.

 

Gemmotherapie- bei uns kaum bekannt

Wir verdanken die Entdeckung der Knospenkräfte dem belgischen Arzt Dr. Henry Pol, dessen Therapie vor 50 Jahren in Frankreich aufgenommen wurde und die auch Eingang in die Pharmacopee francaise, also das französische Arzneibuch fand. In Frankreich ist diese Therapieform auch recht bekannt und die Knospenmittel werden viel verwendet. Bei uns dagegen ist sie eher unbekannt. Die Gemmotherapie ist eine auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Methode, zu deren Anwendung eine Ausbildung nötig ist. Leider gibt es in Österreich sehr wenig Ärzte, die sie praktizieren. Doch die Knospenmittel sind auch zur Selbstanwendung sehr gut geeignet und man kann sie über Apotheken beziehen.

 

Unterschied zwischen Gemmo- und Phytotherapie

Die Gemmotherapie gehört im Prinzip zur Pflanzenheilkunde, setzt aber einen anderen Wirkmechanismus in Gang. In der klassischen Phytotherapie wirkt eine Heilpflanze auf der Basis ihrer Inhaltsstoffe gegen bestimmte pathologische Zustände und wirkt konkret auf diese oder auf bestimmte Organe. In der Gemmotherapie wird dagegen die zelluläre Ebene im Körper angesprochen, über die alle Wachstums- und Reperaturmechanismen im Körper laufen. Gemmo- Arzneien setzen dort an, wo das Leben entsteht, sie sprechen mit der „Proteinsprache“ unserer Zellen.  

 

Knospen und Sprossen- die teilungsaktivsten Teile der Pflanzen

Embryonales Gewebe hat ein enormes Teilungs- und Wachstumspotential. Die teilungsaktiven Zellverbände enthalten das genetische Programm einer Pflanze, das heißt in ihnen ist die gesamte Information der Pflanze enthalten. Dieses Programm führt im Verlaufe des Wachstums zu einer zehnfachen Masse an Pflanzengewebe. Die Knospen haben zwar ein enormes Wachstums- und Teilungspotential, aber auch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass bei der Vielzahl an Teilungen Fehler unterlaufen. Um sich vor solchen Fehlteilungen zu schützen, bedient sich das Embryonalgewebe bestimmter Phytoproteine.

Die Knospen sind daher reich an solchen Eiweißstoffen, aber auch an Enzymen und Wachstumshormonen. Die Auxine sind pflanzliche Hormone, die das Streckungswachstum der Sprossen fördern, sie spielen aber auch bei der Abwehr von krankmachenden Einflüssen eine Rolle, indem sie die Bildung von bestimmten Kohlehydraten anregen. Diese wiederum schützen die Pflanze vor Pilzen, Bakterien und Viren. Eine zweite Gruppe von Phytohormonen in den Knospen sind die Gibberelline, deren wesentlichste Aufgabe ist, zu verhindern dass es bei den Pflanzen zu Fehlentwicklungen wie beispielsweise Zwergwuchs kommt.

Man kann daher sagen, dass Gemmomazerate beim Menschen vor allem dort helfen können, wo Reparatur- und Regenerationsmechanismen im Körper angeregt werden sollten.

 

Bäume- das Grundgerüst der Gemmotherapie

Dr. Henry Pol maß den Knospen der Bäume eine besondere Rolle zu. Er war der Überzeugung, dass der Baum die höchste Entwicklungsstufe in der Flora darstellt. Obwohl der Baum es schafft, ein enormes Gerüst zu entwickeln, kann er sich Jahr für Jahr durch seine Treibspitzen aufs Neue verjüngen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Olivenbaum, der tausende Jahre werden kann, dennoch jedes Jahr genug embryonales Gewebe entwickelt, sozusagen ein Musterbeispiel für „ewige Jugend“.

In der Gemmotherapie werden „Leit“bäume gemeinsam mit den in ihrem Umfeld wachsenden Sträuchern eingesetzt. Die Kräuter dieses Biotops werden ebenfalls verwendet, üblicherweise in Form einer Tinktur aus den Blättern und dienen zur Drainage, also sozusagen zur Entsorgung der „Trümmer“ der durch die Baumknospen ausgelösten Prozesse.

 

Wo können Gemmomazerate sinnvoll helfen?

Der holländische Therapeut Francois Ramarkers brachte einen neuen Aspekt in die Gemmotherapie ein, indem er die Waldentwicklung mit den Wandlungsphasen der Traditionellen Chinesischen Medizin in Einklang brachte. Birken und Erlen wachsen gerne auf feuchten Böden, sie entsprechen der Entwicklung zwischen der Wandlungsphase Wasser und Holz, also beim Menschen der Zeugung und dem folgenden Kindesalter. In der Gemmotherapie stehen die beiden Bäume für alle akuten Symptome.  

Der Eichenwald entspricht der Feuer- Phase, sozusagen dem Höhepunkt unseres Lebens. Die Eichen entziehen dem Boden so viele Mineralstoffe und lagern sie ein, weshalb ihr Holz so hart ist. Auf solchen ausgelaugten Böden kann sich dann nur mehr ein Buchenwald entwickeln. Ihre Wurzeln gehen nicht mehr so tief in den Boden, die Buche wächst in die Breite und entwickelt eine dichte Baumkrone, in deren Schatten nur mehr wenige Pflanzen gedeihen können. Buchen erschöpfen den Boden. In der TCM entsprechen sie der Wandlungsphase Metall, also dem Lebensabschnitt nach dem Erreichen des Zenits, z.B. der Menopause der Frau, Buchenknospen können daher Frauen in dieser Phase helfen.

Als nächste Phase kann auf den ausgelaugten Böden nur mehr eine Heidekrautschicht, gemeinsam mit Wacholder wachsen. Sie dienen der Regenerierung des Bodens, indem sie ihn mit Kieselsäure anreichern. Knospenmittel dieser Phase entsprechen daher aus chinesischer Sicht der Zeit zwischen Metall und Wasser, der Zeit, wo auch beim Menschen alles ausgelaugt ist und starr und brüchig wird. Am Ende der Waldentwicklung stehen die Nadelbäume Tanne und Fichte, die zur Regeneration des Waldbodens beitragen. In der Gemmotherapie sind sie die Heilmittel für chronische Prozesse, die ebenfalls eine besondere Regeneration brauchen wie Osteoporose.

Gemmotherapeuten können sehr wirkungsvolle Therapien, gerade bei Alterungsprozessen einsetzen , das sollte allerdings darauf spezialisierten Therapeuten überlassen werden, da dafür auch konkrete Blutuntersuchungen notwendig sind.

 

Mammutbaum (Sequoia gigantea)

Mammutbaum (Sequoia gigantea)

 

Eine Auswahl der Knospenmittel zur Selbstanwendung

 

Bergfichte“ (eigentlich Berg- Kiefer, Pinus mugo syn montana, Kieferngewächs):

Im Handel ist das Mazerat unter dem fälschlichen Namen „Bergfichten- Knospen“. Tatsächlich stammt es von der Berg- Kiefer, die besser als Latsche bekannt ist. Sie wächst über die Waldgrenze bis zu Höhen von über 2000 m. Im Schnitt nicht viel höher als 3,5 m hoch wachsend kommt die Berg- Kiefer von den Pyrenäen bis zu den Alpen vor. In der Volksmedizin gilt die Latsche als Heilmittel für die Atemwege und gegen Rheuma.

Wirkungsrichtung: Remineralisiert die Knochen und hilft bei Abnützungserscheinungen , entzündungshemmend.

Anwendungsgebiet: Bei vielen Arthrosen (Hüft- , Kniegelenks-, Rückenwirbelarthrosen), rheumatoide Prozesse (entzündliche und degenerative Formen), Osteoporose.

 

 

Birke (Moorbirke, Betula pubescens, Birkengewächse):

Wirkungsrichtung: Dekalzifikation, lymphatische Konstitution (Neigung zu Nasen- und Rachenschleimhautproblemen, Polypenbildung), balanciert ein aus der Norm geratenes Immunprogramm, antihistaminische Wirkung, anregend auf Nieren (ohne sie zu reizen), wachstumsanregend für Kinder, antidepressiv.

Anwendungsgebiete: Arthrosen, akute Studien bei Heuschnupfen und Allergien. Schleimhautentzündungen im Nasen- Rachenbereich vor allem bei Kindern, Mundschleimhautentzündung, unterstützend bei Frühjahrskuren zur „Blutreinigung“, Gicht, bei kardischen Stauungen und Ödemen unterstützend zur Harntreibung, bei depressiven Müdigkeitszuständen.

 

Eiche (Stieleiche, Quercus robur syn. pedunculata, Buchengewächs

In der Waldentwicklung wird die Eiche dem Element Feuer zugeordnet. Eichenwälder gelten als der Höhepunkt der Waldentwicklung. Sie lassen Licht durch und bilden daher das vielfältigste Biotop. Die Eiche und ihre Begleitpflanzen sind in der Lage, dem Boden wasserlösliche Substanzen, aber vor allem Kalzium zu entziehen. Die Eiche hat daher so ein hartes Holz.

Wirkungsrichtung: Die durch nichts zu erschütternde Eiche regt die Lebenslust und die Libido an, stärkt die Potenz

Anwendungsgebiet: Anregung der Testosteronproduktion, Potenzprobleme, sexuelle Asthenie, weiters Rheuma und Arthritis.

 

Haselstrauch (Corylus avellana, Birkengewächs):

Am bekanntesten ist der Haselstrauch wohl, weil aus seinen Zweigen Wünschelruten gemacht werden können. Paracelsus sah im Haselstrauch die Planetensignatur von Merkur oder Hermes, dem Götterboten, dem als Überträger der Botschaften im Körper das Kommunikationsorgan Lunge zugeordnet ist.

Wirkungsrichtung: Verbessert die Elastizität des Lungen- und Leberparenchyms. Wirkt entzündungshemmend und adstringierend.

Anwendungsgebiete: Chronische Bronchitis, aber auch akute Atemwegserkrankungen, Asthma, COPD, Lungenemphysem.

 

 

Himbeere (Rubus idaeus, Rosengewächs):

Die Verwendung von Himbeerblättertee einige Wochen vor der Geburt, um die Geburt zu erleichtern und zu beschleunigen, ist für Hebammen traditionell bewährt. Es spricht aber vieles dafür, besser das Himbeersprossenmazerat einzusetzen. Himbeerblätter enthalten Gerbstoffe, die stopfend wirken könne und Obstipation ist für viele Frauen im dritten Trimenon ein Problem. Die Einnahme des Knospenmazerates ist daher vorzuziehen.

Wirkungsweise: Wirkt hormonell und schmerzlindernd bei Frauenleiden.

Anwendungsgebiete: Geburtsvorbereitung (ca. 1 Monat vor Termin), Menstruationsbeschwerden (in abwechselnder Einnahme mit Heckenrose: 1 Woche Himbeere, 1 Woche Heckenrose), Wechselbeschwerden (ebenfalls abwechselnd mit Heckenrose).

 

 

Johannisbeere (Ribes nigrum, Stachelbeergewächs)

Das Sprossenmazerat von der Schwarzen Johannisbeere (österreich. Ribisel) wird gerne als „pflanzliches Kortison“ bezeichnet, medizinisch ausgedrückt kann man sagen, das Mazerat wirkt kortikomimetisch, das heißt, es regt die körpereigene Produktion von Kortison an. Vermutlich ist es unter den Gemmomazeraten am bekanntesten, sicher ist es aber eines der umfassendst wirkenden Mittel.

Wirkungsrichtung: Entzündungshemmend (kortisonähnlich!, vermutlich durch eine Anregung der Nebennierenrinde) vor allem regulierend bei Fehlsteuerungen wie Allergien.

Anwendungsgebiete: Chronischer Schnupfen, Heuschnupfen, Asthma, Emphysem, Ekzeme, Migräne, Rheuma, Gicht, Arthritis, Prostatabeschwerden.

 

 

Linde (Tilia tomentosa, Lindengewächse)

Die Silber- Linde ist in Südosteuropa heimisch, vermutlich wird sie deshalb in Frankreich verwendet und fand so Eingang in die aus Frankreich stammende Gemmotherapie. Doch alle Linden sind „lind“ (lint, althochdeutsch beweglich, biegsam), lindern also viele Leiden.

Wirkungsrichtung: Beruhigend, angstlösend, krampflösend, nervenstärkend

Anwendungsgebiet: Einschlafprobleme vor allem bei Kindern, Durchschlafprobleme, melancholische und depressive Stimmungen, nervöse Erregungszustände, hyperaktive Kinder, Neuralgien..

 

Tanne (Weißtanne, Abies alba syn. pectinata, Kieferngewächs)

Leider zählen die Tannen, die bis 1900 m Höhe rauf wachsen können, zu den gefährdeten Nadelbäumen und als Christbaum werden schon lange leicht züchtbare Tannen wie die Nordmanns- Tanne (die allerdings in der Türkei beheimatet ist) angeboten.

Wirkungsrichtung: Das Mazerat aus den Wipfeln hat sich bei allen Dekalzifikationserscheinungen bewährt, aber auch bei kindlichen Wachstumsstörungen. Harmonisiert den Kalziumhaushalt, fördert Heilung von Knochenbrüchen, stärkt die Zähne:

Anwendungsgebiete: Rachitisprophylaxe, Karies und andere Zahnprobleme vor allem bei Kindern, adjuvant bei Knochenbrüchen (stimuliert Knochenbildung, abwechselnd mit Bergfichtenmazerat nehmen), ebenso bei Osteoporose abwechselnd mit Bergfichte, Arthrose (v. a. Hüftarthrose).